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Queens and Kings

* Was ist das? "Queens and Kings" ist eine Fortsetzungsgeschichte. Ich schreibe sehr gerne irgendwelche Stories und das hier ist halt eine davon.

* Worum geht's? Die Hauptperson ist ein Teenager-Mädchen namens Helen. Sie war bisher immer ein Außenseiter und geht jetzt auf eine neue Schule, wo sie endlich Freunde finden will.

 

1. Kapitel

Die Tür des Kleiderschrankes schwankte leicht hin und her. Sie schien zu sagen „Schließ mich wieder! Beeil dich!“ doch Helen ließ sie offen stehen und beugte sich zum ungefähr hundertsten Mal an diesem Morgen über ihre Kleidung. Sehr viel hatte sie nicht mitnehmen können aus der alten Wohnung. Und das hatte sie auch nicht gewollt. Doch jetzt, da ihr erster Schultag in einer fremden Stadt bevorstand, bereute sie es.
Seufzend nahm sie ein dunkelblaues, schlichtes T-Shirt aus dem Schrank und starrte es an. Nein. Zu einfach. Wahrscheinlich würden alle denken, sie wäre die Langweilerin von nebenan. Ein anderes, mit Perlen besticktes Oberteil lag schon auf dem Boden vor ihr. Es war einfach zu flippig für den ersten Schultag. Die Leute sollten sie nicht falsch einschätzen.
Überhaupt, niemand sollte sich falsche Gedanken über sie machen. Dieses Mal nicht. Sie wollte es anders machen als an ihrer alten Schule. Sie wollte dazugehören und anerkannt werden.
Denn bis vor ein paar Wochen lief es nicht so gut, was die Schule anging. Und das lag nicht an ihren Schulnoten. Ihr Zeugnis war recht gut und insgesamt waren Helen und die Lehrer zufrieden mit ihrer Leistung. Doch in der Schule ging es leider nicht nur um Zensuren – dann wäre es ja zu einfach, dachte Helen resigniert. Nein, früher, da hatte sie nicht viele Freunde. Eigentlich gar keine. Und beliebt war sie auch nicht. Und schon gar nicht cool. Sie war niemand, den man auf Partys einlädt und kein Junge wäre je auf den Gedanken zu kommen, sich in sie zu verlieben.
Dabei war Helen nicht mal hässlich. Sie hatte nur einige wenige, sehr kleine Pickel und ein ovales, gleichmäßiges Gesicht. Ihre Haare waren kastanienbraun und gingen ihr fast zu den Ellenbogen. Auch ihre Figur war für eine 14-Jährige durchaus nicht schlecht, sie war sportlich gebaut und weder zu groß noch zu klein. Aber leider hatte das alles nichts geholfen. Die Welt war ja so ungerecht.
In ihrer Klasse hatte sich nie jemand die Mühe gemacht, sie hübsch zu finden. Es hatte auch niemanden gegeben, der eine beste Freundin für sie war und sich auf ihre Seite gestellt hatte. Sie war einfach immer „die eine da“ gewesen, von Anfang an.
Ganz im Gegensatz zu Natascha und Janine. Sie waren immer die Größten gewesen, die aller coolsten, die beliebtesten, die tollsten. Natascha sogar noch ein bisschen mehr als Janine. Sie waren die Queens der Klasse, des ganzen Jahrgangs gewesen und alle hatten getan, was sie befahlen. Stets hatten die beiden die coolsten und modernsten Klamotten, das höchste Ansehen und natürlich auch die meisten Verehrer. Reihenweise Jungs standen bei ihnen Schlange, und das war schon immer so gewesen. Viele Mädchen hatten sich Natascha und Janine angeschlossen, um auch etwas von ihrer Coolness abzubekommen, wie zum Beispiel Lissa, Carolina, Franziska und Ann-Kathrin. Einfach jeder wollte mit ihnen befreundet sein, und wer das nicht war, hatte keine Chance. So wie Helen.
Im Laufe der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt. Doch manchmal kam alles in ihr hoch und sie wurde wirklich wütend. Was genau hatten Natascha und co., was sie nicht hatte? Wer hatte eigentlich zu bestimmen, wer „cool“ war und wer nicht? Waren sie alle zu blind, um zu kapieren, dass solche Klassenqueens und ihre Fans nichts als hohl waren, oder einfach nur zu dumm? Wieso hielten alle an dieser Hierarchie fest? Manchmal hatte Helen sich in ihren Zimmer verkrochen und beschlossen, dass alle Leute ihr sonst wo vorbeigehen konnten. Manchmal war sie kurz davor gewesen, durchzudrehen. Aber hatte sie sich immer wieder vor Augen gehalten, dass es das alles eigentlich gar nicht wert war. Sollten die anderen doch Natascha und Janine anhimmeln, sollten sie sich doch ganz toll dabei fühlen – irgendwann würden sie kapieren, wie ungerecht das alles war.
Hatten sie nur leider nie getan.
Das alles machte Helen traurig. Sie hatte sich einsam und verraten gefühlt. Alle ihre früheren Freundinnen hatten während der Grundschulzeit nach und nach auf Nataschas Seite gewechselt. Als gäbe es Helen nicht. Als hätten sie nie Spaß miteinander gehabt. Hin und wieder hatte sie sich mit Sophie getroffen, doch richtige Freundinnen waren sie nie gewesen. Dafür war Sophie einfach zu eigenartig. Sie hatte beispielsweise ihr Zimmer auf ihre eigene Art und Weise gestaltet: Alle Wände waren mit wilden Mustern angemalt, darauf hatte sie eine Menge grellbunte Sticker geklebt. Ihr Bett stand mitten im Raum, alle Möbel wurden mit buntem Krepppapier verziert, ihre Bettwäsche war stets mit Filzstiften vollgeschmiert. In der Schule malte sie immer wieder bizarre Wesen und Zeichen auf Stühle und Tische und wurde dafür ausgelacht. Außerdem war sie in keinster Weise einfühlsam, wenn Helen versucht hatte, ihr von ihrem Problemen zu erzählen, hatte sie immer mit gelangweiltem Blick geantwortet „Vergiss das doch. Ist doch völlig unwichtig.“ Als richtige Freundin kam sie also nicht in Frage.
Doch jetzt war alles anders.
Jetzt hatte Helen eine zweite Chance, sie konnte sozusagen in ein neues Leben starten! Niemand in der neuen Schule wusste von ihrer Vergangenheit und Helen würde sich hüten, ihnen davon zu erzählen. Außerdem hatte sie einen kleinen „Bonus“, als neue in einer Klasse hatte man nämlich am Anfang eine Menge Aufmerksamkeit. Es war nicht wie früher, als man einfach in die Ecke gestellt wurde. Für die ersten paar Tage war man etwas Besonderes. Und das wollte Helen ausnutzen.
Dieses Mal wollte sie dazugehören! Dieses eine Mal wollte sie eine Chance haben, sich zu beweisen, auch mal im Mittelpunkt zu stehen! Sie wollte endlich Freunde haben, und eine Clique, sie wollte auf Partys eingeladen und von ihren Klassenkameraden akzeptiert werden. Sie wollte einer von ihnen sein. Und eine zweite Chance würde sie nicht bekommen. Was sollte sie also verdammt noch mal anziehen?!

2. Kapitel

Endlich angezogen (sie hatte sich für ein schwarz-weiß gestreiftes T-Shirt, eine blaue Jeans mit einem hübschen Gürtel aus dem Schrank ihrer Mutter und eine kleine Silberkette entschieden) trat Helen um zwanzig vor Acht aus der Haustür. Bloß nicht zu spät kommen. Obwohl neue ihre Schule nur einen halben Kilometer von dem Haus ihrer Familie entfernt war, beeilte sie sich, als sie ihr Fahrrad aus dem nagelneuen Gartenschuppen holte. Im Garten roch es nach Baumaterialien und der Zaun war noch nicht ganz fertig. An das neue Haus hatte Helen sich schnell gewöhnt, in den Herbstferien hatte sie genug Zeit gehabt, sich mit der ungewohnten Umgebung vertraut zu machen. Ihre Eltern waren bereits zur Arbeit gefahren (beide waren Anwälte) und ihre kleine Schwester trödelte wie immer. Sie hatte auch einen großen Bruder, der allerdings in diesem Schuljahr sein Abitur machte und deswegen in der alten Stadt geblieben war.
Entschlossen bestieg Helen ihr Fahrrad und fuhr in den Morgen hinein. Ihren Schulweg war sie schon einige Male gefahren und auch die Schule hatte sie sich schon angeschaut. Jetzt fehlten nur noch die Schüler. Sie waren das Entscheidende für Helen.
Während sie die hübschen Wohngebietsstraßen in Richtung Innenstadt entlangradelte, bemerkte sie, dass die ganze Stadt auf den Beinen zu sein schien. In den Ferien war alles noch so ruhig und gemächlich gewesen. Jetzt, da der normale Alltag zurückkehrte, waren alle Straßen belebt, die Kreuzungen voller Autos, die Bürgersteige voller eilender Menschen, die Fahrragwege voller Schüler. Im Vorbeifahren versuchte sie, den einen oder anderen Blick auf Gleichaltrige zu erhaschen, doch nie konnte sie jemanden mehr als ein paar Sekunden lang mustern.
Langsam wurde es ernst. Helen hatte das große Schulgebäude fast erreicht. Nur noch eine Kreuzung, die sie überqueren musste. Nur noch eine Ecke, um die sie biegen musste. Schon konnte sie das weiße Schild mit den schwarzen Buchstaben „Westerstein-Gymnasium“ erkennen. Jetzt noch eine kleine Kurve nach links. Jetzt zu den Fahrradständern. Bloß nicht ganz vorne parken. Bloß nicht ganz hinten. Umdrehen. Schnell einen guten Platz sichern. Abschließen. Nicht aufschauen. Niemandem in die Augen sehen.
Irgendwann war Helen allerdings doch gezwungen, den Blick vom Boden zu heben, denn jetzt musste sie dem Haupteingang entgegensteuern. Sie war wirklich früh dran, nur wenige Schüler schlurften schon die groben Steinstufen zur breiten Eingangstür hinauf. Einige lungerten vor dem Eingang herum, warteten möglicherweise auf ihre Freunde.
Helen schluckte schwer. Eigentlich war sie kein Mensch, der alles unnötig dramatisierte, doch trotzdem hielt sie sich klar vor Augen, dass sich das Schicksal für ihre restliche Schulzeit hinter diesen Mauern entscheiden würde.
Sie fasste sich ein Herz und trat über die Schwelle. Nun war sie drinnen. Es gab keinen Ausweg mehr.
Wie Helen sogleich feststellen musste, war die Einganshalle ziemlich groß. Soweit sie es überblicken konnte, gab es ein paar Plastikbänke, riesige Fenster, einen Getränkeautomaten, die ein oder andere Pflanze und eine breite, schwarze Tafel an der gegenüberliegenden Wand, die aussah wie eine Pinnwand.
Da sie nichts so recht mit sich anzufangen wusste, schlenderte sie zur großen Tafel hinüber. Aufmerksam las sie sich die Aushänge durch, die darauf gepinnt waren: Einige allgemeine Anweisungen wie die Schulordnung, Verbote und Hinweise, ein äußerst nützlicher Raumplaner, Lehrer und Ansprechpartner, Vertretungs- und Stundenpläne. Am meisten interessierten Helen die Stundenpläne der neunten Klassen. In einer dieser Klassen wäre sie nun eine „neue Mitschülerin“. Zu dumm, dass sie nicht wusste, in welcher.
Langsam füllte sich die Halle. Unsicher blickte sie sich nach den anderen Schülern um. Die meisten von ihnen standen in Grüppchen zusammen und schienen auf andere Leute zu warten. Viele waren auf dem Weg durch mehrere andere Türen, die aus der Eingangshalle hinaus führten. Helen wurde neugierig.
Verstohlen wagte sie einen Blick durch die große, doppelte Glastür, die in einen weiteren großen Raum zu führen schien. Viele Schüler gingen durch diese Tür. War dies womöglich das Treppenhaus? Helen machte sich auf den Weg.
Erstaunt stellte sie fest, dass dieser Saal ungefähr genauso groß war wie die Eingangshallte. Dieser hier war allerdings freundlicher und gemütlicher gestaltet, die Wände und der Fliesenboden hatten einen blassen, aber warmen gelb-orange-Ton und in jeder Ecke standen Blumentöpfe mit üppigen grünen Pflanzen. Die Wände waren mit vielen Bildern behangen (die, wie man bei näherem Hinschauen erkennen konnte, höchstwahrscheinlich von Schülern aus dem Kunstunterricht stammten). Auf der von Helen aus gegenüberliegenden Seite war eine größere freie Fläche (die vielleicht als Bühne genutzt wurde?) und den größten Teil des Raumes nahmen viele, viele Stuhlreihen ein. Es war eine Art Aula, aber es schien nicht so eine Aula zu sein, wie Helen sie kannte. (In ihrer alten Schule wurde sie nur für Theateraufführungen benutzt.) In dieser Halle war viel los, überall an den Seiten liefen Schüler und Lehrer umher und auf den Stühlen lümmelten sich zahllose Schüler.
Helen sah auf die Uhr und stellte fest, dass sie noch genügend Zeit für weitere Erkundungen hatte. Bald darauf hatte sie herausgefunden, dass es mindestens drei Treppenhäuser gab, von denen zwei an das Forum grenzten (so wurde der Aula-Saal genannt, wie Helen auf dem Raumplan ablesen konnte) und eines von der Eingangshalle aus betretbar war. Außerdem hatte sie schon die Toiletten und das Lehrerzimmer aufgespürt. Der Verwaltungstrakt mit dem Sekretariat schien auf der anderen Seite der Eingangshalle zu liegen.
Schon fühlte Helen sich etwas besser.
Allerdings fiel ihr kurz darauf ein, dass sie immer noch nicht wusste, zu welcher Klasse sie gehörte. Das brachte sie ganz schön zum Schwitzen.
Es stellte sich heraus, dass sie richtig gelegen hatte: Das Sekretariat lag auf der gegenüberliegenden Seite der Eingangshalle. Schüchtern wagte sie einen Schritt hinein. Zu ihrem großen Glück war niemand außer zwei Sekretärinnen anwesend.
Helen räusperte sich.
„Entschuldigung…“
Die ihr näher gelegene Sekretärin schaute auf.
„Ich… also… mein Name ist Helen Lacourelle und… ich bin neu hier.“
Nicht zum ersten Mal schämte Helen sich ein wenig für ihren französischen Nachnamen. Ihr Großvater war Franzose und ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie praktisch immer ihren Nachnamen buchstabieren musste.
Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort:
„Ich sollte hier in die neunte Klasse kommen aber … na ja, ich weiß nicht, wie meine Klasse heißt.“
Die Sekretärin, welche ihre grauen Haare in einem Knoten trug, schaute sie ein paar Sekunden lang an, bevor sie zu begreifen schien, dass sie darauf antworten sollte. Helen hielt sie nicht für die Hellste.
„Ach, das ist kein Problem. Wie lautet noch mal dein Name?“
„Helen Lacourelle.“
„Lacou...?“
„L-A-C-O-U-R-E-L-L-E.“
“Dankeschön. Ja, da haben wir dich.“ Die Sekretärin tippte wild auf ihrer Tastatur herum. Schließlich sah sie auf und lächelte.
„Und?“, fragte Helen. Die Frau sah sie irritiert an und Helen schaute irritiert zurück. Hatte sie einen Hörschaden oder war sie einfach schwer von Begriff?
„Ich möchte wissen, in welche Klasse ich komme“, erklärte Helen und gab sich dabei Mühe, gleichzeitig laut zu sprechen und nicht unfreundlich zu klingen.
„Deine Klasse? Aber sicher doch! Du bist in der 9c.“
„Okay, dankeschön.“
Helen wandte sich zum Gehen und wollte gerade erleichtert in die große Halle marschieren, als die Sekretärin abermals ihre Stimme erhob:
„Ach, Schätzchen?“
Unsicher drehte Helen sich um.
„Manchmal ist es nicht leicht, hier neu anzufangen. Nimm es nicht so schwer.“
Die Frau sah sie fast mitleidig an.
„Du wirst dich sicher schnell eingewöhnen und wenn du eine Frage hast, komm einfach hierher.“ Ihre Miene änderte sich nun zu einem mütterlichen Lächeln.
„Ähm… vielen Dank“, antwortete Helen schüchtern und verließ das Sekretariat. Sie wusste nicht recht, was sie von der Frau halten sollte. Sie wusste auch nicht, was sie von der Schule halten sollte. Sie kam sich vor wie eine Erstklässlerin, die in eine Universität geworfen worden war. Ihr Kopf schwirrte und ihre Erwartungen stiegen und sanken in einem wahnsinnigen Rhythmus. Allerdings musste sie all diese Gedanken beim Blick auf die große Uhr in der Eingangshalle verschieben: Es war fünf Minuten vor Acht.

 

3. Kapitel

Das Gefühl der Erleichterung, das sich in Helen ausgebreitet hatte, da sie nun ihre Klasse wusste, schwand genau so schnell dahin, wie es gekommen war.
Sie wollte auf gar keinem Fall gleich zur ersten Stunde zu spät kommen. Allerdings wusste sie nicht, in welchem Klassenraum sich die 9c aufhielt. Einen Moment lang stand sie bangen Blickes inmitten eines immer dichter werdenden Strom von Schülern, bis ihr einfiel, dass sie sich vom Fleck bewegen musste.
Nach einer flüchtigen Überlegung drehte sie sich zum Sekretariat um und spielte mit dem Gedanken, noch einmal hinein zu gehen und nachzufragen. Aber erstens traute sie sich nicht, zweitens würde sie damit wahrscheinlich einen Eindruck völliger Verplantheit machen, und drittens wurde sie von den Massen von Lehrern, die durch den Verwaltungstrakt strömten, zusätzlich eingeschüchtert. Sie musste das jetzt selber regeln. Wenn sie es noch nicht einmal auf die Reihe bekam, ihren Klassenraum zu finden, wie sollte das dann mit ihr weitergehen?
Helen schluckte einmal und wandte sich dann entschlossen zum schwarzen Brett. Dort würde sie sicher alle Informationen finden, die sie brauchte. Unglücklicherweise war die ganze Wand von einer meterdicken Mauer aus Schülern geradezu belagert, was verständlich war – alle wollten am Tag nach den Ferien ihre Stundenpläne ansehen.
Mit großer Mühe kämpfte Helen sich zum Brett durch. Die besten Plätze hatten die Oberstufen-Schüler ergattert, vor denen man am besten zur Seite wich. Ein Bisschen vom schwarzen Brett konnte sie nun immerhin erkennen. Die Stundenpläne waren zahlreich und dicht aneinander gedrängt und die Raumnummern neben den Unterrichtsfächern waren in so winziger Schrift gedruckt worden, dass Helen die Augen zusammenkneifen musste, um sie lesen zu können. Da war es: 9c. Montag. Erste Stunde. Deutschunterricht. Raum 144.
Mit einem raschen Blick zur Uhr (noch drei Minuten) eilte Helen davon. Sie war nun sehr dankbar, dass sie die Treppenhäuser bereits aufgespürt hatte. Vom Raumplaner hatte sie zuvor abgelesen, dass alle Räume, die Hunderter-Nummern hatten, im ersten Stock lagen. Die mit den Zweihunderter-Nummern waren im zweiten Stock, die Dreihunderter im dritten Stock, die zweistelligen Nummern im Erdgeschoss und alle, deren Nummern mit zwei Nullen begannen, befanden sich im Keller.
So gut es eben mit einem Rucksack auf dem Rücken ging, raste Helen durch die Schule. Sie keuchte die Treppen hinauf, kämpfte sich durch die immer noch sehr dichten Schülermassen und kam endlich im ersten Stock an. Nun musste sie sich orientieren.
Sie stand an einer Ecke, rechts von ihr erkannte sie zwei Türen mit den Nummern 112 und 113, links von ihr waren 126 und 127. Sie entschied sich für die höheren Zahlen und rannte den Flur entlang. Sie verstand die Logik der Zahlenreihenfolgen auf den Nummernschildern der Türen nicht. Sie wusste überhaupt nicht, wo sie sich befand. Die so groß und verwinkelt zu sein scheinenden Flure nahmen kein Ende.
Es war der Alptraum, von dem Helen schon so oft gehört und ihn doch nie realisiert hatte. Unter großen Zeitdruck und mit rasselndem Atem jagte sie die Korridore auf und ab.
Raum Nr. 130, 131, 132. Eine große Glastür. Helen raste daran vorbei. 136, 137, 138. Um die Ecke. Plötzlich lauteten die Zahlen 122, 123, 124. Wenn ihr Atem es zugelassen hatte, hätte Helen am liebsten laut geschrieen.
Immerhin waren noch viele Schüler auf den Fluren. Das erschwerte das Rennen zwar, aber es hieß, dass sie nicht die Allerletzte war. Ob ihre Klasse schon angefangen hatte? Voller Unbehagen fegte sie weiter. Die kunstvoll bemalten Wände beachtete sie dabei kaum.
Nur noch zwei Minuten. Wieder eine Glastür, wieder eine Ecke. 142, 143, 145. Wo war 144? Ah, auf der anderen Seite. Endlich.
Keuchend und japsend lehnte Helen sich an die Wand. Sie hatte es geschafft. Und fast hatte sie vergessen, dass eine Menge anderer Schüler um sie herumstanden. Zu ihrem Glück hatte sie keine Zeit, sich dafür zu schämen oder von den anderen komisch angeguckt zu werden, denn schon kam eine Lehrerin angerauscht. Helen hatte es wohl gerade noch rechtzeitig geschafft.
Um den Rückweg wollte sie sich erstmal keine Sorgen machen.
Für ihre wilde Jagt durch die Schule hatte sie ihre Gefühle wohl für eine Weile vergessen. Doch jetzt, der neuen Klasse und der entscheidenden Situation völlig ausgeliefert, kam alles wieder in ihr hoch. Helen überkam Neugier, doch noch größer war die Angst und die Anspannung. Sie fing an zu schwitzen. Nervös knetete sie ihre Hände. Ihr Atem hatte immer noch nicht seinen normalen Rhythmus wiedergefunden.
Die Schüler strömten in die Klasse. Viele Stimmen, Lachen, Seufzer, Rufe waren zu hören. Helen nahm das alles kaum wahr.
Während sie noch vom einem Bein aufs andere trat, bewegte die Lehrerin sich auf sie zu. Sie musterten sich gegenseitig kurz, die Lehrerin flüchtig und mit freundlichem Blick, Helen voller Ungewissheit und Schüchternheit. Die Frau war noch nicht sehr alt, ihre mittellangen, braunen Haare legten sich elegant neben den Kragen ihrer hellblauen Bluse.
„Du bist Helen?“, fragte sie mit einem fröhlichen Herzlich-Wilkommen-Gesichtsausdruck.
„Äh.. ja..“, stotterte Helen verlegen.
„Sehr schön. Ich bin Frau Dengenbach“, antwortete ihre Klassenlehrerin lächelnd und gab ihr die Hand.
„F-Freut mich…“
„Du willst sicher deine neuen Mitschüler kennen lernen. Ich werde dich jetzt der Klasse vorstellen.“
Damit gab sie ihr einen sanften Schubs in den Rücken und Helen war gezwungen, durch die offene Tür in den Raum zu gehen. Ihre Eingeweide verknoteten sich.
Frau Dengenbach stellte sich neben Helen und hob ihre Stimme.
„Sssscht! Seid jetzt bitte mal leise!“
Irgendwie schien sie es hinzubekommen, ihre Schüler freundlich anzulächeln und sich gleichzeitig durchzusetzen. Die Klasse wurde still. Alle Augen richteten sich nach vorne.
„Erstmal guten Morgen und schön, dass ihr wieder hier seid!“
Ein langgezogenes und größtenteils müdes „Guten Morgen, Frau Dengenbach“ ertönte durch den Raum.
„Wie ihr sicher seht, habe ich heute eure neue Klassenkameradin mitgebracht. Das hier ist Helen“, sagte sie und wies mit einer majestätischen Geste auf eine vollkommen nervöse und ganz und gar unbehagliche Helen.
Alle sahen sie an. Sie wusste genau, dass in der Klasse achtundzwanzig Schüler waren, aber im Moment kamen es ihr wie Hunderte vor. Sie konnte die Blicke förmlich spüren.
„Aber ich will ja nicht lange reden“, fuhr Frau Dengenbach fort, „Am besten stellt sie sich selber vor!“
Helen wurde heiß und kalt. Sie öffnete den Mund und versuchte, freundlich, offen und zugleich cool zu wirken.
„Ääähm … also … ich bin Helen.“ Super. Das wussten sie doch schon.
„Und … äh … ich bin seit den Herbstferien hier … wir sind umgezogen … na ja … meine Eltern haben mich zu dieser Schule geschickt …“
Das war recht mager doch Helen war froh, überhaupt etwas über die Lippen gebracht zu haben.
Frau Dengenbach wandte sich ihr wieder zu.
„Kannst du denn auch ein bisschen über dich persönlich erzählen?“
„Also … ja … ich bin 14. Also, 14 Jahre alt. Und … in meiner Freizeit … hm, ich höre gern Musik und gehe in die Stadt … oder ich gehe schwimmen …“
Zuerst hatte sie sagen wollen, dass sie gerne las und mit ihrer Katze im Garten herumtollte. Aber sie wollte doch cool sein, wie ein normaler Durchschnitts-Teenager.
Die Blicke waren immer noch auf sie gerichtet. Am liebsten wäre sie sofort wieder aus dem Klassenraum gerannt. Zum Glück erlöste Frau Dengenbach sie:
„Nun, das war ja schon einmal sehr interessant. Ich bitte euch nochmals: Seid nett zu Helen! Ich möchte, dass sie hier gut aufgenommen wird und Freunde findet, ja? Ansonsten… lasst uns anfangen.“
Besorgt hielt Helen nach einem freien Platz Ausschau. Sie würde wahrscheinlich den allerschlimmsten abbekommen. So lief es immer in Filmen und Büchern.
Eine Hand erhob sich in der Klasse – sie gehörte zu einem Mädchen in der letzten Reihe mit schwarzen, gewellten Haaren und einem rosigen Teint.
„Frau Dengenbach? Helen kann doch neben Cassie sitzen. Da ist noch frei.“ Das Mädchen wies auf einen freien Platz neben eine Reihe weiter vorne.
„Wirklich eine sehr gute Idee, Rebecca!“, antwortete die Lehrerin und lächelte Helen erneut zu.
„Setz dich ruhig. Ich fange dann gleich mit dem Unterricht an.“
Das Mädchen namens Cassie, auf das Helen nun zumarschierte, setzte eine höfliche Miene auf und rückte etwas zur Seite. Zögernd setzte Helen sich neben sie und stellte ihren Rucksack ab.
„Hey, ich bin Cassie“, sagte das Mädchen zu ihr. Sie hatte hübsche kurze, blonde Haare, die gerade bis hinter die Ohren reichten. Außerdem trug sie auffällig große, runde Ohrringe.
„Hi“, antwortete Helen und lächelte verlegen zurück. Sie hatte das Gefühl, noch immer ein wenig rot im Gesicht zu sein.
Der Unterricht um sie herum begann und Frau Dengenbach schrieb schon erste Sätze an die Tafel.
Diese erste Begegnung wenigstens hatte sie gemeistert.